Die Balten haben es angeblich nicht gerne wenn man sie in einen Topf wirft. In der Tat sind die 3 baltischen Staaten, Estland, Lettland und Litauen sehr unterschiedlich in Kultur und Sprache. Das Estnische ist eng mit dem Finnischen verwant, tatsächlich versteht man sich untereinander ganz gut. Lettisch und Litauisch hingegen sind eng verwante indogermanische Sprachen. Trotzdem, alle 3 Länder verbindet ihre jüngere Geschichte: im 2 Weltkrieg wurden sie erst von den Soviets, dann von den Nazis, dann wider von den Soviets besetzt, um dann endlich in den frühen 90ern unabhängige Staaten zu werden. Heute sind alle 3 Mitglieder der EU, von Schengen und haben den Euro eingeführt. Sowohl die Nazis wie auch die Soviets haben grausam gewütet, wobei die Nazis natürlich noch einen drauf gesetzt haben: nach der vermeintlichen Befreiung haben sie in Lettland 30000 Menschen, vorwiegend Juden, erschossen, 12000 innerhalb von wenigen Stunden! In Litauen haben sie unvorstellbare 190000 Juden umgebracht. Die Soviets waren zum Glück weit weniger effizient. Aber auch sie haben 10000e von Menschen zwangsumgesiedelt, enteignet, eingesperrt und umgebracht. Entsprechend unbeliebt sind hier die Russen und Putins Politik. Ein Problem, denn in Lettland zum Beispiel sind etwa 25% der Bevölkerung Russen, ein Resultat der sovietischen Russifizierungspolitik. Wenn man sich gerne unbeliebt macht, kann man hier jeden problemlos auf Russisch ansprechen. Kak dila.

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Mein Eindruck ist, dass die Esten total entspannt sind, ihre Vergangenheit abgehackt haben und nach vorne schauen. Mit einem Einkommen, zumindest in Tallinn, das über dem europäischen Durchschnitt liegt und mit der tiefsten Verschuldung aller EU Länder haben sie auch guten Grund für Optimismus. Die Letten hingegen sind weit weniger zugänglich und hadern mit ihrer Vergangenheit.

Riga ist die grösste Stadt im Baltikum, Tallinn wirkt dagegen winzig. Wirklich sehenswert in Riga ist aber eigentlich nur die Altstadt und ihre nähere Umgebung. Der Rest besteht aus Plattenbauten. Riga macht einen geschäftigen, um nicht zu sagen gestressten, Eindruck. Wir besuchen die Altstadt, den Markt, welcher sich in 4 ehemaligen Zeppelinhangaren befindet, und machen wider eine Stadtrundfahrt. Riga überzeugt mich nicht so, es gibt sicher lohnenswertere Ziele in Europa. Trotzdem lohnt es sich mal hier hoch zu kommen: in unseren Köpfen ist noch immer der Ostblock verankert, mit Pferdegespannen, Kopftuch tragenden Frauen und korrupten Beamte. Nichts könnte weiter weg von der Realität sein.

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Am Freitag verlässt mich Marc leider schon wider und ich bin wider alleine. Ich habe genug von den Städten. Da er aber erst am späten Nachmittag fliegt, komme ich nicht mehr weit. Ich fahre ins nahgelegene Jürmala, sozusagen der Stadtstrand von Riga, und Ort sagenumwobener Parties mit russischen oil tycoons und ihren tropy wifes.

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Seit der Rubel abgestürzt ist und seit die Russen ein Schengenvisa brauchen ist die Party aber leider vorbei. Symbolisch dafür steht mein Campingplatz. Direkt unter der halb zerfallenen Ruine eines ehemaligen sovietischen Luxushotels verbringe ich 3 Nächte und übe mich in Strandferien. Dieser lange Text ist Zeuge meiner Langeweile. Gott, ich habe sogar ein Buch gelesen!

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Morgen geht es weiter in das Land der Diebe: Litauen.